2012 / 01 – Giftgas in Flensburger Förde

Weltkriegs-Giftgas auch in der Flens­bur­ger Förde

Giftgas-Granaten, „die grün ange­stri­chen waren und einen gel­ben Ring hat­ten“, sind kurz vor Ende des Zwei­ten Welt­kriegs in der Flens­bur­ger Förde zwi­schen Glücks­burg und dem Klei­nen Belt ver­senkt wor­den. Diese bis­lang unbe­kannte Tat­sa­che hat der Koblen­zer Mee­res­bio­loge und Muni­ti­ons­ex­perte Dr. Ste­fan Neh­ring exklu­siv in der heute erschei­nen­den Aus­gabe der Zeit­schrift WATERKANT veröffentlicht.

Dem Bericht zufolge war diese Aktion der deut­schen Wehr­macht vom dama­li­gen Ober­be­fehls­ha­ber Wil­helm Kei­tel ange­ord­net wor­den. Aller­dings sollte die töd­li­che Fracht am „süd­li­chen Aus­gang des Klei­nen Belt, sechs See­mei­len vor der Flens­bur­ger Förde“ ins Meer gekippt wer­den. Das betref­fende Gebiet und seine Umge­bung sind heute von der HELCOM als „Muni­ti­ons­ver­dachts­flä­che“ gekennzeichnet.

Für den über­wie­gen­den Teil der Giftgas-Granaten und –Bom­ben, so Neh­ring in der WATERKANT wei­ter, sei die Anord­nung Kei­tels ein­ge­hal­ten wor­den. Aller­dings ent­deckte der For­scher in Akten ver­schie­de­ner Lan­des– und Bun­des­mi­nis­te­rien aus den 1970er Jah­ren Ver­merke, nach denen wegen aku­ter Bedro­hung durch bri­ti­sche Auf­klä­rer etli­che der Giftgas-Geschosse, gefüllt unter ande­rem auch mit dem beson­ders gefähr­li­chen Senf­gas, bereits wäh­rend der Fahrt von Flens­burg in den Belt „über Bord gewor­fen“ wor­den seien. Zudem sei es vor­ge­kom­men, dass das Ver­sen­kungs­ge­biet „aus Angst vor Flie­ger­an­grif­fen“ vor­zei­tig ver­las­sen wurde, dabei sei „auf dem Rück­weg noch rest­li­che Muni­tion über Bord gebracht“ wor­den. Ins­ge­samt muss es sich Neh­rings Recher­chen zufolge um meh­rere hun­dert Che­mie­waf­fen gehan­delt haben, die folg­lich heute öst­lich der Linie Glücksburg–Ochseninseln auf dem Grunde der Flens­bur­ger Förde lie­gen oder im Laufe der Jahr­zehnte von dort ver­drif­tet wor­den sind.

Der Koblen­zer Experte berich­tet in der aktu­el­len WATERKANT zum einen über etli­che admi­nis­tra­tive und poli­ti­sche Manö­ver von den 1960er bis in die 1990er Jahre, das Aus­maß die­ser Ver­sen­kun­gen und die damit ver­bun­de­nen Gefah­ren zu ver­harm­lo­sen; „heute“, so Neh­ring wei­ter, scheine „bei den Behör­den eher ein Nicht-Wissen über his­to­ri­sche Ein­zel­hei­ten, die sich tief ver­gra­ben in Archi­ven befin­den, vor­zu­lie­gen.“ Zum ande­ren lis­tet er fall­weise Erkennt­nisse auf, wonach sich ein­zelne Gra­na­ten– und Bom­ben­funde bei Unter­su­chun­gen in den 1970er Jah­ren teils als „scharf, aber durch­ge­ros­tet und kampf­stoff­frei“ – das Gift ist folg­lich in die Förde ent­wi­chen –, teils aber auch als intakt und mit Kampf­stoff gefüllt erwie­sen hät­ten. Neh­rings Recher­chen, so der zustän­dige WATERKANT-Redakteur Burk­hard Ilsch­ner, „lesen sich stre­cken­weise wie ein Polit-Krimi“.

Obwohl der Wis­sen­schaft­ler auf offi­zi­el­len Stel­lung­nah­men der betei­lig­ten Behör­den hand­schrift­li­che Ver­merke ent­deckte, die den Wahr­heits­ge­halt der eige­nen Aus­sa­gen bezwei­feln – „stimmt nicht!“ und Ähn­li­ches –, wurde nie eine orga­ni­sierte Suche, geschweige denn eine Ber­gung ver­an­lasst. Das aber hält Neh­ring dem WATERKANT-Bericht zufolge für unerlässlich:

Kampf­stoffe und spe­zi­ell das beson­ders gefähr­li­che Senf­gas haben im Meer nichts zu suchen – das gilt ins­be­son­dere für Flach­was­ser und erst recht, wenn Ufer nur wenige hun­dert Meter ent­fernt sind. Kampf­stoffe waren, sind und blei­ben eine töd­li­che Gefahr.“ Es gebe viel zu tun, heißt es in der Zeit­schrift wei­ter. Schiff­fahrt und Fische­rei soll­ten beson­ders gewarnt, däni­sche Behör­den infor­miert und das HELCOM-Sekretariat gebe­ten wer­den, die Muni­ti­ons­ver­dachts­flä­che zu erweitern.

Dar­über hin­aus soll­ten „unab­hän­gige Exper­ten mit einer ver­tie­fen­den his­to­ri­schen Erkun­dung von Muni­ti­ons­ver­sen­kun­gen inner– und außer­halb der Flens­bur­ger Förde beauf­tragt wer­den“, schreibt Neh­ring in der WATERKANT: Drin­gend not­wen­dig sei fer­ner „eine Muni­ti­ons­su­che inner– und außer­halb der Flens­bur­ger Förde mit Ber­gung und nach­fol­gen­der muni­ti­ons­tech­ni­scher Begut­ach­tung von Pro­jek­ti­len“. Auch gelte es, „aus Sicher­heits­grün­den“ den freien Zugriff auf die dort im Flach­was­ser noch lagern­den unzäh­li­gen Che­mie­waf­fen strikt zu unterbinden.

Abschlie­ßend mahnt Neh­ring in der Zeit­schrift: „In vie­len deut­schen Häfen wurde Gift­gas zur Ver­sen­kung auf Schiffe ver­la­den – und bis heute ist deren Ver­bleib oft ungeklärt.“

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.