Hintergrund zum BWK-Artikel (1):

Von der Wolle bis zur Kosmetik

Wolle gilt im allgemeinen als klassisches Naturprodukt. Neben die Eigenschaft als "Naturstoff" treten besondere physikalische Eigenarten dieser Faser: Das in der Faser vorhandene Luftpolster isoliert gegen Kälte und Hitze, der in der gewaschenen Wolle verbleibende Rest des Wollfetts bewirkt das Abweisen von Wasser in Tropfenform, aber die Aufnahme von Wasserdampf in die Fasern. Die Anforderungen der Verbraucher an das Produkt Wolle (Webgarne, Strickgarne) in Bezug auf Verarbeitung und Tragekomfort haben zu besonderen Veredlungstechniken geführt. So wird ein Teil der gewaschene Wolle in einem nachgeschalteten Verfahren chemisch behandelt, damit sie beim Waschen nicht verfilzt, sondern ihre ursprüngliche Elastizität behält.

Schafe, Träger und Produzenten des "nachwachsenden Rohstoffs" Wolle, können sich zwar leicht unterschiedlichsten Klimabedingungen anpassen, sind aber gleichzeitig überaus empfindliche Tiere, die einer ständigen Pflege bedürfen. In Bezug auf Nahrung sind Schafe relativ genügsam und anspruchslos, über ihr Freßverhalten und die Bodenverdichtung mit ihren kleinen Hufen beeinflussen sie allerdings die Zusammensetzung der bodenständigen Vegetation. Vor allem in den ökologisch empfindlichen Halbwüstenlandschaften Südafrikas, Südamerikas und Australiens führte die Überweidung (Tritt- und Fraßschäden) zu Austrocknung und Verkarstung.

Schafe sind wegen ihres dichten und verfilzten Fells besonders von Schädlingen gequält. Alle möglichen Parasitenarten haben sich darauf spezialisiert, im Schafspelz zu siedeln und damit sowohl die Qualität des Vlieses als auch die Gesundheit der Schafe zu beeinträchtigen. Wurden die Herden zu groß, kam es immer wieder zu Einbrüchen in der Schafzucht. Manchmal litt nur die Qualität der Schurwolle, in extremen Fällen verendeten ganze Herden an Krankheiten.

Eine Erleichterung in der Handhabung großer Herdenbestände war die Entdeckung von Schädlingsbekämpfungsmitteln auf der Basis chlororganischer Verbindungen und deren großindustrielle Herstellung nach dem Zweiten Weltkrieg. Nunmehr konnten die Tiere in großen Pferchanlagen zusammengetrieben und vollständig in badewannenähnlichen Gerätschaften in der chemischen Brühe untergetaucht werden. Aufgrund der Saugfähigkeit des Wollvlieses wurden dabei Unmengen an Chemikalien verbraucht und so war es verständlich, daß die Schafzüchter nicht kleinlich in der Wahl der Mittel waren. Vor allem Lindan, Chlordan und DDT gelangten neben den diversesten Cocktails (zum Teil mit Abfällen aus der Produktion versetzt) ab den fünfziger Jahren in die Rohwolle und damit auch in die Abwässer der Wollwaschbetriebe.

Ein besonders unangenehmer Begleitumstand der chemikalischen Behandlungsmittel ist ihre gute Fettlöslichkeit. In allen Wollwäschereien wird das Wollfett seit je her aus dem Abwasser zurückgewonnen, da es sich hervorragend an die kosmetische Industrie veräußern läßt. Erst die verfeinerten Analysemethoden der Rückstandslabors brachte Anfang der achtziger Jahre die hohe Belastung von Salben und Kosmetika (die auf Lanolinbasis hergestellt wurden) mit chlorierten Pestiziden ans Tageslicht und sorgte für Unruhe bei den Verbrauchern.

Aufgrund von Absatzeinbrüchen bei Wundsalben und Kosmetika nach der Veröffentlichung von ausführlichen Testergebnissen (Pestizide in "Penaten"-Creme und -Wundsalben, z.B. Ökotest 1986) erfolgte mit gewisser Verspätung eine Wandlung bei der Verwendung chemischer Schafbademittel. Anstatt der langlebigen chlororganischen Verbindungen werden nun mehr und mehr die teureren und erheblich giftigeren, aber nach einer gewissen Zeit zerfallenden Phosphorsäure-Ester-Verbindungen (wie z.B. der Wirkstoff des E 605) eingesetzt. Natürlich bedeutet "zerfallen" nicht Verschwinden, die Zerfalls- und Zersetzungsreihen der Phosphorsäure-Ester sind sehr komplex und zum Teil noch unerforscht, eine Reihe von Zerfallsprodukten gelten ebenfalls als toxisch oder allergiefördernd, ihr Nachweis ist aber entsprechend schwierig bzw. zum großen Teil noch gar nicht abgesichert.


© WATERKANT, ISSN 1611-1583, Heft 4-1994,
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