Sellafield - und kein Ende...

Am 22. Juni 2003 haben wir auf dieser Web-Seite unter Berufung auf den Eutiner Nachrichtendienst "Auslandsfunkreport" sowie die norwegische Tageszeitung "Aftenposten" gemeldet, die britische Regierung habe den Betreiber der Atomanlage Sellafield aufgefordert, die seit langem umstrittene Entsorgung radioaktiver Abwässer ins Meer - einzustellen.

Diese Meldung war voreilig und in dieser Form falsch. Wir haben die - aus heutiger Sicht möglicherweise unklare - Wiedergabe im "Auslandsfunkreport" missinterpretiert und überbewertet. Richtig ist (nach dem Ergebnis der Bremer OSPAR- und HELCOM-Konferenz) dieses:

1.

Die erwähnte Londoner Ankündigung bezog und bezieht sich ausschließlich auf das Isotop Technetium-99 (Tc-99). Dieses Isotop ist vor allem Bestandteil der flüssigen Abfallprodukte, die bei der Wiederaufarbeitung der Brennelemente aus den alten britischen Reaktoren vom Typ "Magnox" angefallen sind und die derzeit immer noch in Sellafield gelagert werden.

Technetium-99 (Tc-99) hat eine Halbwertzeit von rund 200.000 Jahren. Das Isotop ist laut "Greenpeace" sowohl im Spinat in der Nähe Sellafields nachgewiesen worden als auch in Seetang, der in Irland teils als Dünge-, teils als Nahrungsmittel verwendet wird. Meeresströmungen tragen Tc-99 bis nach Norwegen, dort wurde das Isotop vor den Lofoten im Wasser wie in Fischen gefunden.

Die Mitte der Neunziger in Sellafields Wiederaufarbeitungskomplex in Betrieb genommene Abfallbehandlungsanlage EARP kann Tc-99 nur in Spuren zurückhalten, der Rest wird mit dem Abwasser ins Meer geleitet. An die EARP angeschlossen sind riesige Tanks mit den flüssigen Tc-99-Rückständen aus den Magnox-Reaktoren. Tanks, deren baulicher Zustand auch schon für negative Schlagzeilen gesorgt hat sowie für Erwägungen in London, die Tc-99-Einleitungen in die Irische See drastisch zu erhöhen.

Gesucht werden derzeit - chemische - Möglichkeiten, Tc-99 aus diesen Rückständen so herauszufiltern, dass es endlagerungsfähig ist. An diesem Problem arbeitet die britische Gesellschaft UK NIREX, die Mitte der achtziger Jahre auf Regierungsdruck von der Atomindustrie gegründete Firma für die Endlagersuche. NIREX soll bereits mehrere Wege zu diesem Ziel ausprobiert haben, bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Hierauf bezieht sich nun die aktuelle - und von "Aftenposten" beziehungsweise dem "Auslandsfunkreport" erwähnte - Initiative der britischen Umweltministerin Beckett:

Wegen des Drucks vor allem aus Norwegen und Irland und offensichtlich mit Blick auf den Bremer Meeresschutz-Kongress hat London NIREX und den Sellafield-Betreiber BNFL gebeten, die sukzessive Einleitung von Tc-99-haltigen Abwässern ins Meer vorübergehend zu stoppen. Die Rede ist aber nur von vorerst neun Monaten. In dieser Zeit soll lediglich ein weiteres von NIREX entwickeltes Verfahren, das stabile Isotop Tc-99 endlagerfähig zu verfestigen, ausprobiert werden. Eine entsprechende Selbstverpflichtung der Briten hat prompt auch Eingang gefunden in das "Bremen Statement", die Schlusserklärung der OSPAR-Konferenz (Ziffer 33). Wie es aber nach den neun Monaten weitergeht, bleibt völlig offen.

2.

Wie wenig die Briten ernsthaft an einer Lösung des Problems radioaktiver Emissionen interessiert sind, zeigt ihr sonstiges Verhalten auf der Bremer OSPAR-Konferenz. Vor fünf Jahren, 1998, hatte das vorige OSPAR-Ministertreffen im portugiesischen Sintra von Briten und Franzosen (für die Atomanlage La Hague) verlangt, radioaktive Einleitungen bis 2020 "gegen Null" (bezogen auf einen noch nicht näher definierten "historischen" Basiswert) zu reduzieren. Wohlgemerkt: Dieses 2020-Gebot ist bereits fünf Jahre alt und nicht etwa (wie viele Zeitungen, u.a. "taz", "Süddeutsche" oder "junge Welt" berichtet haben) jetzt in Bremen beschlossen worden. Allerdings ist in diesen fünf Jahren nicht viel geschehen - man stritt lediglich über die Bezugswerte, von denen ausgehend die beschlossene Reduzierung errechnet werden sollte.

Auch in Bremen kamen die OSPAR-Delegierten in dieser Frage zunächst keinen Schritt weiter: Auf dem Tisch lag der Vorschlag, den Ausgangswert aus dem Durchschnitt der Jahre 1996–2000 zu ermitteln. Von den 16 Mitgliedern (15 Anrainerstaaten plus EU-Kommission) sollen 14 dafür gestimmt haben. Nur Briten und Franzosen, so verlautete aus der Konferenz, seien dagegen gewesen. Deren Vorschlag, den Basiswert aus dem Durchschnitt 1993–2001 zu errechnen, hätte nach Teilnehmerschätzung den Ausgangswert um mehr als die Hälfte nach oben gesetzt. Eine deutliche Senkung der tatsächlichen Reduzierungsquote wäre zwangsläufige Folge gewesen. „Im Saal“, so hieß es am ursprünglich letzten OSPAR-Verhandlungstag, „herrschte Sprengstoff-Stimmung“. Das Thema musste vertagt und die Konferenz des Nordostatlantik-Abkommens unplanmäßig verlängert werden.

Erst in buchstäblich letzter Minute kam es dann am nächsten Tag doch noch zu einer Einigung: Als künftiger Ausgangswert wurde auf Vorschlag des deutschen Umweltministers Jürgen Trittin der Durchschnitt der Jahres-Emissionen von 1995-2001 vereinbart. Es war einer der für Konferenzen dieser Art typischen Kompromisse: Von den resultierenden Basiswerten her soll "1995-2001" praktisch identisch sein mit dem ursprünglichen Vorschlag "1996-2000" - aber Briten und Franzosen hatten ihr Gesicht gewahrt.

Aber auch dieses Ergebnis ist noch mit Fragezeichen versehen: Denn nach den OSPAR-Beschlüssen werden erst 2006 die nationalen Pläne zur Umsetzung des Sintra-Beschlusses miteinander abgeglichen und auf ihre Umsetzbarkeit (neben technischen spielen hier auch wirtschaftliche Kriterien wieder einmal eine Rolle) geprüft. Die wirkliche Umsetzung des Sintra-Gebots "Bis 2020 gegen Null" ist also noch lange nicht gesichert, es bedarf noch viel Drucks seitens der Umweltverbände und der Öffentlichkeit, damit es nicht zu weiteren Abstrichen kommt.

© WATERKANT, ISSN 1611-1583,
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