Letzter Versuch: Rettet die Weserfähre Brake-Sandstedt!

Der Weserfähre zwischen Brake-Golzwarden und Sandstedt droht das Aus: Die Eröffnung des Wesertunnels Dedesdorf-Kleinensiel Anfang dieses Jahres hat die Beförderungszahlen so drastisch einknicken lassen, dass der Betreiber, die Verkehrsbetriebe Wesermarsch GmbH (VBW), nach jüngsten Pressemeldungen keine Chance mehr sieht, die Verbindung am Leben zu erhalten: Am 30. Juni 2005 soll sie endgültig eingestellt werden!

Fast schon verzweifelt waren die Bemühungen der VBW zu nennen, das Ruder in den vergangenen Monaten doch noch herumzureißen: Mit Werbeblättern in der Region und bunten Aufklebern versuchte das Unternehmen, den Menschen die Vorteile der Fährverbindung schmackhaft zu machen. Das altbekannte Märchen vom Hasen und dem Igel wurde eigens für diesen Zweck herausgekramt Copyright Verkehrsbetriebe Wesermarsch und diente fortan - angemessen verändert - einer zwar moderaten, aber witzig gemachten Anti-Tunnel-Propaganda:

Der schlaue Igel lässt sich danach von der Fähre gemütlich über den Fluss schippern, während der abgehetzte Hase etliche Kilometer flussabwärts verzweifelt durch den Tunnel hechtet. Um am Ende doch wieder nur feststellen zu müssen, dass der Igel "all dor" ist.

An der so entstellten Version des Grimm'schen Märchens ist ein bisschen was Wahres dran: Für die meisten Pkw- oder Lkw-Fahrer, die in der Region Brake-Sandstedt beiderseits der Weser unterwegs sind (aber auch darüber hinaus - und dass bis zu 25, 30 Kilometer!), ist der Weg durch den Tunnel kilometermäßig ein Umweg gegenüber der Fährverbindung; ihr Zeitgewinn hingegen beträgt allenfalls wenige Minuten; und obendrein hatte die VBW Anfang dieses Jahres ihre Fährtarife radikal gesenkt, um den "Igel-Weg" auch wirklich attraktiv zu machen.

Dabei sah sich die VBW von Anfang an in einer Zwickmühle: Als Unternehmen, das dem Landkreis Wesermarsch gehört, Copyright Verkehrsbetriebe Wesermarsch konnte sich der Fährbetreiber nicht offen gegen den Tunnel stellen, dessen Bau dieser Landkreis mit gefordert und unterstützt hat. Also krampfte man sich in dem erwähnten Werbeblatt folgende Formulierung aus den Fingern: "Der Tunnel ist, ebenso wie die Fähre, eine Bereicherung der Infrastruktur". Na, sowas! Kenner der Materie erinnern sich, dass die VBW einst gegen den Bau des Tunnels klagen wollte - und ihr dies vom Landkreis obrigkeitsstaatlich verboten wurde. Aber geschickte Werbefachleute kriegen trotzdem die Kurve und schreiben daher in besagtem Werbeblatt weiter: "Je nach Herkunftsort und Ziel haben Sie die Möglichkeit, den kürzesten und günstigsten Weg zur Überquerung der Weser zu wählen. Ein extra Umweg über den Tunnel kann oft bis zu 17 Kilometer lang sein. Fahrräder und Kleinkrafträder müssen draußen bleiben."

Man sollte sich nichts vormachen. Die Weserfähre Brake-Sandstedt kann mit dem Verkehrsaufkommen aus der unmittelbar benachbarten Region allein nicht überleben. Zwar gibt es eine Reihe von Berufspendlern, die bis heute die Fähre dem Tunnel-Umweg vorziehen. Und es gibt vereinzelt Menschen, die eigens nach dem Weg zur Fähre fragen, weil sie keinen Bock auf den Tunnel haben.

Eine weitere überlebenswichtige Einnahmequelle der Schiffsverbindung sollten die Gefahrguttransporte sein, die den Tunnel nicht benutzen dürfen; für sie wurde eigens das Fährschiff "Golzwarden" umgebaut. Solche Transporte sind vor allem zum und vom Braker Seehafen unterwegs. Aber nach dem Beschluss der Betreiber, Mitte kommenden Jahres die Linie still zu legen, wurde die "Golzwarden" verkauft und durch ein kleineres Schiff ersetzt - und die Spediteure angeschrieben, sich doch schon mal der nächst gelegenen Fähre im Norden Bremens zu bedienen.

Bleiben als letzte Nutzer-Gruppe die Fahrradtouristen. Aber auch sie tragen nicht wirklich zum Erhalt der Fähre bei: Zwar gibt es sie nach wie vor massenhaft, vor allem im Sommer (siehe oben: Tunnelverbot) - aber mit 20 Cent pro Passage können sie die Fähre nicht aus den roten Zahlen reißen.

Die Fähre dauerhaft erhalten könnten nur die benachbarten Gemeinden. Aber Politik ist heuchlerisch (nicht nur an der Unterweser): Derzeit jaulen Gemeinderäte und Kreispolitiker Tag für Tag laut über den VBW-Beschluss, die Fähre einstellen zu wollen. Dabei haben sie jahrelang geschwiegen, als Tunnel-Gegner (wie wir...) vor eben diesen Folgen des Röhrenbaus warnten. Oder sie haben die Kritiker beschimpft, während - und indem - sie aktiv für den Tunnel gestritten haben. Nach dem Vorbild des Goethe'schen Zauberlehrlings tun sie nun bass erstaunt, dass der Tunnel Verkehr von der Fähre abzieht. Und dass ihnen in ihren Kommunalkassen tiefe Löcher entgegen gähnen, weil ihnen mit dem drastischen Einbruch der Fährstatistik entsprechende Steuereinnahmen verloren gegangen sind.

Bei allem Gejammer sind sie zudem auch jetzt noch halbherzig: Sie schauen nicht auf die Interessen ihrer Bürger, die die bequeme und kurze Verbindung erhalten wollen. Sondern sie schielen auf den Tourismus - und diskutieren prompt eine kleine Fährlösung nur für Fußgänger und Radfahrer.

Nein, es sieht momentan nicht so aus, als könnte die VBW-Fähre noch gerettet werden. Dies hier ist also ein ziemlich hilfloser Versuch, er soll dennoch nicht unterlassen werden:

Wenn alle, die dieses lesen, sich selbst entschließen sowie ihre Freunde und Bekannten überreden, bei der nächsten Fahrt in der oder durch die Unterweserregion nicht den Tunnel zu benutzen, sondern etwas langsamer, aber bequem ein paar Minuten Fähre zu fahren, dann kann dies vielleicht dazu beitragen, das Aus für diese Verbindung zumindest hinaus zu zögern.

Es gibt vieles, was fürs Fährefahren spricht:
- der schon erwähnte kürzere Weg,
- die legendäre Bockwurst an Bord,
- die Gemütlichkeit,
- die schöne Aussicht flussauf und flussab,
- die Möglichkeit, sich mit anderen Menschen zu unterhalten.

Und es gibt einen politischen Grund: Wer den Tunnel meidet, trägt nicht nur - vielleicht - zum Erhalt der Schiffsverbindung bei. Je weniger durch den Tunnel fahren, desto deutlicher wird, dass diese Doppelröhre eine Fehlinvestition auf Steuerzahlerkosten gewesen ist. Argumente dazu finden sich reichlich in unserer Web-Sammlung der WATERKANT-Artikel zum Wesertunnel. Und je drastischer die Zahl der Tunnelbenutzer hinter den erlogenen Prognosen zurück bleibt, desto schwerer haben es Politiker und Industrie- und Handelskammern der Küstenregion, für ihre Idee der Küstenautobahn von der Elbe durch den Wesertunnel gen Westen zu werben.

Also weitersagen:
Fähre fahren ist nett -
und politisch korrekt für alle,
die eine andere Verkehrspolitik wollen.
Macht mit!


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