Hinweis: Dieser Text wurde Mitte Januar 2004 geschrieben.
Die Eröffnung des Wesertunnels Dedesdorf-Kleinensiel südlich von Bremerhaven am 20. Januar 2004 zerstört zum einen die existierenden Fährverbindungen:
Bis zum Sommer 2004 werden knapp 70 Fährleute und HelferInnen ihre Jobs verlieren, danach sollen nur noch sieben Arbeitsplätze auf der Linie Sandstedt-Brake erhalten bleiben.
Zum zweiten ist dieser Tunnel ein strukturpolitisch falsches Signal, weil er die Unterweserregion zur Brummi-Transitstrecke macht: Lokalpolitiker und regionale Presse ("Nordsee-Zeitung") werden nicht müde, den Tunnel mit der Parole "Aufschwung" zu verknüpfen. Dabei hat es bis heute links und rechts der Tunneltrasse trotz fast sechsjähriger Bauzeit der beiden Röhren nicht eine einzige neue Wirtschafts-Ansiedlung gegeben - und bei den wenigen Interessenten handelt es sich lediglich um Umsiedlungen von anderen regionalen Standorten. Stattdessen haben etwa Rotterdamer Hafenplaner frühzeitig ihre Freude über den Tunnel geäußert,
weil er ihre Zu- und Ablaufverkehre von und nach Skandinavien oder Osteuropa beschleunige.
Zum dritten sei hier - nur kurz und summarisch - erinnert an weitere negative Folgen und Risiken des Tunnels für die Unterweserregion: Neben dem befürchteten wirtschaftlichen Ausbluten durch das Transit-Wachstum, das den Bürgerinnen und Bürgern eine Lärm-, Dreck- und Abgasinvasion beschert, wird auch der Tourismus geschwächt. Fahrradtouristen, die heute gerne und häufig die Unterweser links- und rechtsseitig befahren und bislang mit den Fähren von hüben nach drüben wechseln konnten, gucken künftig im wahrsten Sinne des Wortes "in die Röhre".
Nicht zu vergessen auch die bis heute nicht beendeten Diskussionen um die Tunnelsicherheit: Die im Planfeststellungbeschluss zwingend vorgeschriebene, ständig besetzte Tunnelwarte ist aus Kostengründen nicht gebaut worden; die bisherigen Sicherheitsübungen der - ausschließlich Freiwilligen! - Feuerwehren der Gemeinden links und rechts des Tunnels haben immer wieder Mängel aufgezeigt, vor allem eine Folge zu später und zu geiziger Schulung und Ausrüstung!
Der Wesertunnel ist ein völlig überproportioniertes Projekt - gebaut zur falschen Zeit am falschen Ort und vor allem unter geschönten Bedarfsberechnungen: Erst mit einer ominösen Aufstockung der prognostizierten Beförderungszahlen von rund 7500 auf etwa 23.000 Pkw- und Lkw-Passagen täglich konnte das Projekt seinerzeit im Bundesverkehrswegeplan so hoch eingestuft werden, dass ihm "vordringlicher Bedarf" zuerkannt wurde. Zum Vergleich: Die beiden tunnelnahen Unterweserfähren kommen heute auf einen Tagesschnitt von weniger als 5000, alle Unterweserfähren zusammen - verteilt auf rund 50 Strom-Kilometer! - erreichten 1996 (aktuellere Zahlen liegen nicht vor) einen Tagesschnitt von rund 12.000 Fahrzeugen. Damit sich der mehrere hundert Millionen Euro teure Tunnel - finanziert auf Kosten der nächsten Generation! - trotzdem "rechnet", fordern die Tunnel-Protagonisten jetzt (wieder) eine Küstenautobahn, die als A 22 ab einer noch zu bauenden Elbequerung die A 20 bis nach Wilhelmshaven, Ostfriesland und Holland verlängern soll.
Die Menschen und Initiativen in der Unterweserregion haben es nicht geschafft, den Bau des Wesertunnels zu verhindern. Jetzt liegt es an den Menschen und Initiativen im Unterelberaum, den Bau der dort geplanten Flussquerung zu blockieren. Mit einem deutlichen "Nein zur Küstenautobahn!" fordert WATERKANT die Unterstützung aller, die gegen die geplante Unterelbequerung agieren. Die Internet-Veröffentlichung unserer gesammelten Artikel zum Thema Wesertunnel/Weserfähren/Küstenautobahn soll dazu einen Beitrag leisten.
Ein formaler Hinweis zum Schluss:
Gelegentlich wird, wer mehrere unserer Artikel nacheinander liest, Wiederholungen bestimmter Fakten oder Argumente feststellen. So etwas bleibt nicht aus, wenn eine nur viermal im Jahr erscheinende Zeitschrift sich eines solchen Themenkomplexes in unterschiedlichen Zeitabständen wieder und wieder annimmt. Wir bitten um Verständnis.
WATERKANT 1993 bis 2004 über den
Wesertunnel Dedesdorf - Kleinensiel
Heft 1 / 2004, Seite 32: Wesertunnel eingeweiht - und nun?
Heft 4 / 2003, Seite 31: Party hier und Bockwurst dort - das war's?
Heft 3 / 2003, Seite 27: Wesertunnel - Die Tage werden gezählt...
Heft 3 / 2002, Seite 31: Wesertunnel: Auflagen missachtet?
Heft 2 / 2002, Seite 25: Wesertunnel - Bundes-Sprechblasen
Heft 1 / 2002, Seite 16: Wesertunnel: Konkurrenz wird verbaut
Heft 3 / 2001, Seite 30: Teurer Tunnel, alte Trassenpläne
Heft 3 / 2000, Seite 17: Norddeutschland und Nordeuropa werden betoniert
Heft 3 / 2000, Seite 23: Unterweser-Fähren bereiten sich vor auf "Tunnel-Ära"
Heft 2 / 1999, Seite 30: Bohrende Fragen nach Sicherheit und Geld
Heft 3 / 1998, Seite 3: "Editorial" zu Verkehrspolitik und Bundestagswahl
Heft 1 / 1998, Seite 35: Protest braucht viel mehr Phantasie...
Heft 4 / 1997, Seite 36: Am 17. Februar ist Baubeginn...
Heft 4 / 1997, Seite 37: Der Tunnel und die Grünen
Heft 3 / 1997, Seite 3: "Editorial" zur Verkehrspolitik
Heft 3 / 1997, Seite 39: Warten auf Justitia?
Heft 1 / 1997, Seite 32: Wer "Tunnel" fordert, meint "Küstenautobahn"...
Heft 1 / 1997, Seite 37: Weserfähren werden unter Druck gesetzt
Heft 2 / 1996, Seite 3: "Editorial" zur Küstenautobahn
Heft 4 / 1995, Seite 31: Gute Chancen für eine Klage
Heft 3 / 1994, Seite 33: Wesertunnel - Totgeburt?
Heft 1 / 1994, Seite 16: Mobilisierung nicht vergessen!
Heft 1 / 1994, Seite 27: "Eurotunnel" - Milliardengrab
Heft 4 / 1993, Seite 30: Ende einer Lüge
Heft 3 / 1993, Seite 36: Teurer Tunnel
Heft 2 / 1993, Seite 24: Aktion Tunnelblick
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