aus Heft 3 - 1993:

Teurer Tunnel

Der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) mit seinen milliardenschweren Autobahn- und Straßen-Neu- und -Ausbauvorhaben ist verabschiedet, eines seiner umstrittensten Projekte ist der Wesertunnel, die Unterquerung der Unterweser südlich von Bremerhaven bei Dedesdorf. Grund zum Jubeln sowohl für die regionale Betonlobby als auch für die Planer einer Küstenautobahn von Osteuropa nach Holland - sollte man meinen.

Aber während das Planfeststellungsverfahren läuft, sehen die "Tunnelisten" neue Hindernisse am Horizont auftauchen: Da gibt es doch tasächlich einen Menschen namens Theo Waigel, der zur Sanierung der Staatsfinanzen nicht nur den Sozialabbau mit Brachialgewalt vorantreibt, sondern auch noch die soeben im BVWP beschlossenen Projekte - zumindest im Westen - sogleich wieder in Frage stellt.

In Bonn haben sich Bundestagsabgeordnete aus der Küstenregion, ParlamentarierInnen von CDU, SPD und FDP, zur "Initiative Wesertunnel" zusammengefunden, um diesem unsäglichen Treiben des Bayern Waigel energisch Einhalt zu gebieten, um die befürchtete "Gefahr für den Wesertunnel" abzuwenden. Die Umweltverbände der Küstenregion haben in etwas sarkastischer Weise dem Bundesfinanzminister in der Frage des Fernstraßenbaus alles Gute und viel Rückgrat gewünscht: Vielleicht bleibt ja wegen Ebbe in der Kasse den BürgerInnen links und rechts der Weser die erwartete Brummi- und Pkw-Lawine doch noch erspart?

Apropos erwartete Lawine: Bislang befördern, wie berichtet (siehe WATERKANT 3/92), die drei in der nördlichen Unterweserregion existierenden Fähren durchschnittlich etwa sechstausend Fahrzeuge täglich. Die Tunnelplaner schwärmen von 23.000 motorisierten Röhren-Nutzern pro Tag - wohlgemerkt: auf einer statt bisher drei Trassen! Nun sollte man meinen, daß die Anwohner der geplanten Tunnelzubringer ob solcher Prognosen auf die Barrikaden gehen. Denkste!

Die Gemeinde Loxstedt, durch deren Gebiet rechts der Weser die Tunneltrasse führen wird, hat die Planungen bislang mehrheitlich begrüßt. Erst jetzt, während das Verfahren längst läuft, haben die Gemeinderäte SchülerInnen auf die Straße geschickt, um in einer Verkehrszählung und Autofahrerbefragung Daten zu sammeln. Was geschieht eigentlich mit dem Tunnel, falls solche Erhebungen ergeben sollten, daß er regional von den BürgerInnen gar nicht benötigt wird?


© WATERKANT, ISSN 1611-1583,
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