aus Heft 3 - 2003:
Wesertunnel - Die Tage werden gezählt...
Jetzt geht's lo-hos...! - An der Unterweser wird massiv die Propaganda-Trommel gerührt. Es geht um den Versuch, dem kurz vor Fertigstellung stehenden Wesertunnel bei Dedesdorf südlich von Bremerhaven endlich zu Akzeptanz zu verhelfen.
Die regionalen Medien, allen voran die Bremerhavener "Nordsee-Zeitung" (NZ) und ihre Wochenendausgabe "Sonntagsjournal", haben sich jetzt darauf konzentriert, das alte Märchen von den neuen Arbeitsplätzen durch neue Verkehrswege in immer neuen Variationen unters Volk zu bringen. Die offizielle Eröffnung der beiden Betonröhren ist mittlerweile auf den 20. Januar 2004 terminiert. Im "Sonntagsjournal" wird seit Ende August einmal wöchentlich ein regelrechter Countdown inszeniert.
Wobei der Slogan "Heut' schon getunnelt?" auch selbstironisch verstanden werden kann: Bekanntlich ist seinerzeit der Bedarf für den Tunnel von den Planern künstlich nach oben gerechnet worden (1), um seine Platzierung im damaligen Bundesverkehrswegeplan (BVWP) von "nachrangig" auf "vordringlich" zu verbessern. Könnte es sein, dass die Zeitungsjournalisten heute schon mal für Vergnügungsfahrten - einmal täglich "tunneln"! - werben, weil die Röhren sonst nicht ausreichend frequentiert werden?
Schluss mit lustig. Die "Nordsee-Zeitung", seit Jahrzehnten erfahren in Pro-Tunnel-Propaganda, begleitet besagten Countdown ihrer Sonntagsausgabe mit einer Serie "Wesertunnel - ein Lichtblick für die Region". Gebetsmühlenartig werden dort die Parolen vom Zusammenwachsen zweier Wirtschaftsräume, links und rechts der Unterweser, wiederholt, was bekanntlich Aufschwung bringe. Das Problem ist nur, dass die Arbeitslosenzahlen in der Region weiter ansteigen. Und bis heute ist nicht bekannt, dass irgendein größeres Unternehmen den Tunnel als Chance erkannt hätte, sich mit einer Ansiedlung nahe der Trasse ein Stück vom Aufschwung-Kuchen abzuschneiden (eventuelle Ortswechsel vorhandener regionaler Firmen an neue, subventionierte Standorte am Tunnel dürften hier eh nicht mitgezählt werden).
Im Gegenteil: Obwohl das Projekt seit Mitte der neunziger Jahre greifbar wurde und seit Februar 1998 gebaut wird, musste sich noch im Frühjahr 2002 die Bundesregierung auf eine Anfrage des damaligen PDS-Abgeordneten Winfried Wolf in hohle Sprechblasen retten. Der Tunnel verbessere die Verkehrsinfrastruktur, und das bringe Aufschwung, der Rest war Blahblah (2).
Bis heute, 124 Tage vor Inbetriebnahme des Tunnels, werden die angeblich herausragenden wirtschaftlichen Chancen dieser Verbindungstrasse getrennt beworben: Während unter der an sich zur Gemeinsamkeit einladenden Internetadresse www.wesertunnel.net die Stadt Nordenham und die benachbarte Gemeinde Stadland, beide links der Weser, ihre Gewerbeflächen in der Umgebung der Tunneltrasse zu vermarkten versuchen, findet sich dort nicht ein einziger Hinweis zur anderen Flussseite. Um sich über die Gewerbeflächen rechts der Weser zu informieren, muss man schon wissen, dass das zur Gemeinde Loxstedt gehört, www.loxstedt.de eintippen - und wird dann zur Wirtschaftsförderung nach Cuxhaven weitergeleitet. Soviel zum Thema Zusammenwachsen zweier Regionen...
Dafür steckt eine andere Weiterleitung offenbar in der Sackgasse. Wiederholt ist hier berichtet worden (3), dass der Betreiber der durch den Tunnel beiseite gedrängten Weserfähren sich nachdrücklich bemüht, die arbeitslos werdenden Fährleute im eigenen Hause, den Verkehrsbetrieben Wesermarsch (VBW), oder anderen Firmen unterzubringen. Pustekuchen. Ob nur die Strukturschwäche der Region diese Pläne durchkreuzt hat oder ob irgendwelche Tunnellobbyisten am VBW-Geschäftsführer wegen seines jahrelangen Widerstandes gegen die Röhren ein Mütchen kühlen, ist nicht bekannt: Anfang August musste Andreas Bettray öffentlich einräumen, "dass bis zum 30. August 2004 insgesamt 65 Arbeitsplätze wegfallen". Für 35 laufe bei Tunneleröffnung ihr befristeter Vertrag aus, zehn Auflösungsverträge mit "Unbefristeten" seien bereits unterzeichnet, weitere in Vorbereitung; gelinge dies nicht, "sind betriebsbedingte Kündigungen unvermeidbar". Lediglich drei Mitarbeiter hätten tatsächlich neue Jobs gefunden, 615.000 Euro koste der Sozialplan für die übrigen. Das sind Kosten, die noch kein Befürworter des Tunnels bislang auf dessen Preis draufgeschlagen hat...
Burkhard Ilschner
Quellen:
1. WATERKANT, Heft 4 / 1995, S. 31 ff., und 1 / 1997, S. 32 ff.
2. WATERKANT, Heft 2 / 2002, S. 25
3. WATERKANT, Heft 1 / 1997, S. 37
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